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Mit der Sprache Brücken schlagen
Dolmetscher verbinden Menschen mit unterschiedlichen Sprachen. Ein anstrengender Beruf, denn Zuhören und Übersetzen erfolgen fast parallel. "Der schönste Moment ist, wenn die Beteiligten mich komplett vergessen", sagt die Düsseldorfer Dolmetscherin Andrea Wilming.

Die Amtseinführung von Barack Obama, Hugh Grant bei „Wetten, dass ...“, Merkel und Sarkozy, Fachkongresse oder Firmengeschäfte: Dolmetscher sitzen überall dort, wo wichtige Personen etwas zu sagen haben. Im Verborgenen arbeiten sie wie eine unglaublich leistungsfähige Blackbox. Blitzschnell wird der Input von mindestens 60 Wörtern in der Minute von der einen in die andere Sprache übersetzt und landet im Output. Zuhören und Sprechen laufen fast parallel. Kein Wunder, dass laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO der Beruf des Simultandolmetschers fast genauso stressig ist wie der von Düsenjetpiloten oder Fluglotsen.

„Länger als 30 Minuten in der Kabine geht auch nicht, dann wird abgewechselt, weshalb wir immer in Zweier- und manchmal sogar in Dreier-Teams arbeiten. Man kann das Gehirn nicht zwingen, wach zu bleiben“, beschreibt die Düsseldorfer Dolmetscherin Andrea Wilming ihren Alltag. Simultandolmetschen bedeutet, dass fast zeitgleich aus einer schalldichten Kabine übertragen wird. Ihre Pionierstunde hatte diese Technik 1945/46 bei den Nürnberger Naziprozessen, wo 36 Dolmetscher in und aus den vier Sprachen der Alliierten übersetzten. Das bis dahin übliche schriftliche Konsekutivdolmetschen hätte aufgrund der Zeitverzögerung das Gerichtsverfahren über Jahre gezogen. Simultan werde heute bei rund 90 Prozent aller Einsätze gedolmetscht, sagt Wilming, als Unterform gebe es noch das sogenannte Flüstern zum Beispiel bei Verhandlungen. Diese Technik sei aufgrund der vielen Hintergrundgeräusche aber für beide Seiten sehr anstrengend, erklärt die Diplom-Dolmetscherin, die für ihren Job sechs Jahre in Heidelberg studierte und einige Zeit in den USA und in Spanien lebte. Ein Hochschulabschluss oder ein vergleichbarer Abschluss ist für Wilming unerlässliches Qualitätsmerkmal der ungeschützten Berufsbezeichnung. Sie und viele ihrer Kollegen sind zudem im VKD, dem Berufsverband für Konferenzdolmetscher organisiert, der strenge Auflagen für eine Mitgliedschaft hat.

Dolmetschen ist mehr als Sprache

Im Unterschied zu Übersetzern, die nur schriftlich arbeiten, übertragen Dolmetscher das Gesagte mündlich, weshalb auch das Training von interkulturellen Kompetenzen in der Ausbildung ganz groß geschrieben wird. Denn nicht überall auf der Welt ist Kopfnicken gleich Ja oder wird Händeschütteln als höflich bewertet. „Dolmetschen ist mehr als Sprache, man verdolmetscht ja auch Sitten und Gebräuche anderer Völker, und ich kann helfen, Brücken zu bauen“, reflektiert die 32-Jährige ihren Beruf. „Der schönste Moment ist, wenn die Beteiligten mich komplett vergessen und die Kommunikation wie von selbst funktioniert.“ Dafür schlüpft sie möglichst tief in die Haut des Vortragenden hinein. In
der Kabine wird mit den Händen gestikuliert, die Stimme hebt und senkt sich, es wird gelacht, oder die Stirn legt sich bedenklich in Falten. Dolmetscher versuchen, den Redner so naturgetreu wie möglich wiederzugeben, um dem Zuhörer auch seine Emotionen und Gedanken
zu vermitteln. Schließlich habe der Angesprochene ja ein Recht darauf zu erfahren, was genau ihm gesagt wird – auch im Subtext, betont Wilming.

Terminologische Vorbereitung ist Pflicht

Einige Male war sie schon richtig prominent. So hat die zierliche Frau unter anderem Altkanzler Helmut Kohl, der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen und dem früheren ARD-Anchorman Ulrich Wickert ihre Stimme geliehen. Damit es auch fachlich bestens klappt, müssen sich Dolmetscher themenbezogen und terminologisch intensiv einarbeiten. Als Faustregel gilt: Einen Tag lang dolmetschen bedeutet mindestens auch einen Tag Vorbereitung, „der Kunde merkt sonst sehr schnell, wenn ich nicht weiß, wovon ich spreche“, so die 1,7er-Abiturientin. Dafür erhalten Dolmetscher in der Regel ein Tageshonorar von 750 bis 900 Euro. Durch die Globalisierung ist die Nachfrage tendenziell steigend, allerdings würden manche Firmen versuchen, Dolmetschleistungen einzusparen, indem zum Beispiel Englisch als offizielle Sprache festgesetzt
werde. „So entsteht dann häufig ein Gesprächsmischmasch aus Denglisch, Spenglisch oder Frenglisch, womit sich keiner der Beteiligten wohlfühlt und was auch zu Missverständnissen führen kann“, gibt Wilming, die auch als Pressesprecherin des Berufsverbands arbeitet, zu bedenken. Vorbild für eine internationale Zusammenarbeit ist die Europäische Union: Um das Niveau und die Gleichberechtigung ihrer politischen Diskussionen und Verhandlungen zu sichern, wird in der EU offiziell in 23 Sprachen gesprochen.

Kommunikationsunfälle kann es aber auch in Brüssel geben. Die liegen dann weniger am fehlenden Geld, sondern in der Tücke der Sprache. Witze verlieren in der Übersetzung meistens ihre Pointe, und auch Redewendungen können mal schiefgehen. Manchmal sorgt sogar das Wetter für Unverständnis, wie sich Wilming an einen Kabineneinsatz vor einer Freilichtbühne erinnert: „Plötzlich fing es furchtbar an zu stürmen, zudem
schüttete es wie aus Kübeln. Als wir uns dann nach der Aufführung umdrehten, war vom Publikum nichts mehr zu sehen, nur noch unsere Kabine stand auf dem riesigen Platz“, erzählt sie schmunzelnd.

 

9.02.2010,

Christiane Hautau

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