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Stay away, friends!
Über nimmersatte Netzspinnen und die Wahl und Qual in sozialen Netzwerken.

Vom leidenschaftlich gern mit grauen Gänsen schwimmenden Verhaltensforscher Konrad Lorenz wissen wir verlässlich: Das Zusammenleben gleichartiger Lebewesen auf engem Raum fördert eher früher als später Argwohn und Missgunst. Ganz gleich, ob es sich um die Putzerfische am Bart des Buckelwals handelt oder um die Wirtstiere auf dem Planeten Erde. Vielleicht darum zog Lorenz so oft in die Stille der Natur. Wo keine Menschenseele rumort, da kann es auch keinen Stau geben. Lorenz kannte die Datenautobahnen nicht.

In den Verstrickungen des weltweitwunden Netzes wird es immer drängeliger. Und wir alle drängeln mit. Manch einer hat sein Leben komplett vernetzt. Facebook, Twitter, MySpace, Flickr, Lokalisten, Wer-kennt-wen, Knuddels, StayFriends, Schüler- wie StudiVZ haben mehr Mitglieder, Freunde und „Follower“ als China und Indien Einwohner zusammen. Und das sind schon verdammt viele. Wie nimmersatte Netzspinnen spinnen wir unsere Fäden in alle Richtungen, um Informationen und Kontakte zu erbeuten.

Soziale Netzwerke sind wie eine Droge. Doch, das wusste ich, ich war gewarnt. Wer nicht drin ist, 24 Stunden am Tag, eingeloggt wie eine lebende Suchmaschine, immer auf Empfang nach neuen virtuellen Wahlverwandtschaften, ist out. Den gibt’s quasi gar nicht. Digitales Neandertal, sozusagen. Auch ich war viele Jahre so ein digitaler Neandertaler. Es gab mal eine Zeit, da hab auch ich noch analog gedacht.

Ich habe Bücher gelesen, aber kein „Gesichtsbuch“. Hatte Kontakte, aber nie eine Kontaktliste gepflegt. Habe nie jemanden „geaddet“. Nie „gegruschelt“. Nie den Beziehungsstatus eines Menschen „hochgestuft“. Ich war von gestern. Ich bin meinen Freunden persönlich zuleibe gerückt. Mit einer guten Flasche Wein. Aber doch nicht mit der Computermaus.

Was mich digitalen Neandertaler veranlasst hat, meine Höhle zu verlassen? Kein Mammut, sondern Martina war‘s. Also eigentlich ein Klassentreffen. Sie wissen schon. Nach einer Ewigkeit Leute treffen, denen man schon früher aus dem Weg ging. Denn es ist doch so. Der „Schwarm“, den man auf dem Schulhof vergeblich anhimmelte, kommt nie zum Klassentreffen. Es sei denn ... da gibt es doch bestimmt ... im Internet ... genau ... so eine Art DRK-Suchdienst für verschollene Mit-Abitur-Schönheiten. Die Seite heißt: Bleibt Freunde! Der harmlos klingende Imperativ hätte mich gleich stutzig machen müssen. Aber ich wollte Martina schon damals sagen, wie schön sie ist.

Drei Monate Premium-Mitgliedschaft später: Von Martina keine Spur, dafür aber von Martin. Er hat mich ebenso gefunden wie auch Detlef, Steffi, Nicole, Gesine und Jutta. Plagegeister von damals, die ich unfreiwillig rief, ich werde sie nicht mehr los. Manche schreiben jeden Tag. Wollen alles wissen. Leute, die ich nie kennenlernen wollte, zeigen ihr Leben in einer Aufdringlichkeit, die mich vor dem Bildschirm abstürzen lässt. Gestern hat sich Herr E. registrieren lassen. E. war schon als Chemielehrer ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Ich muss hier raus. Ich habe euch doch nichts getan. Netzwerk abgeschaltet. Stay away, friends!

Und wenn sich Martina inzwischen doch gemeldet hat? Vielleicht sollte ich noch mal nachschauen. Nur einmal, nur ganz kurz ...

 

9.02.2010,

Dirk Hautkapp

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