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Allein auf der Seidenstrasse
Einmal die Seidenstraße von Istanbul bis nach Peking hinunterbrettern – die Bikerin Angela Brandl (47) aus dem bayerischen Moosburg setzte sich auf ihre Honda Dominator, gab Gas und erlebte einen Trip, den sie niemals vergessen wird. Ein Gespräch über sechseinhalb Monate Abenteuer.

Wie entstand die Idee, auf der Seidenstraße bis nach Peking zu fahren?

Vor zehn Jahren bin ich mit dem Motorrad von Deutschland nach Australien gereist und habe dabei den südlichen Teil der Seidenstraße  kennengelernt – damals habe ich schon davon geträumt, auch den nördlichen Teil zu erkunden. Mich haben zudem die historischen Reiseberichte Marco Polos zu der Reise inspiriert.

Welche Bedeutung hat die legendäre Handelsroute heute?

Im Vergleich zu ihrer Blütezeit hat die Seidenstraße natürlich an Bedeutung verloren. Streckenweise spielt der Lkw-Verkehr eine wirtschaftliche Rolle. Zunehmenden Tourismus findet man in Städten wie dem usbekischen Samarkand. Manche Regionen sind sehr einsam, dort ist man praktisch alleine unterwegs. Der schlechte Straßenzustand erschwert das Reisen.

Eine gut 28.000 Kilometer lange Strecke auf dem Motorrad zurückzulegen, ist nicht gerade die angenehmste Art sich fortzubewegen.

Ich bin kein Typ, der im Auto reist. Das ist mir zu weit weg vom Geschehen. Das Motorrad war für mich ein Türöffner. Wenn mich die Einheimischen in Zentralasien mit meiner Honda gesehen haben, war ich in jeder Jurte herzlich willkommen. Mehr noch als die einzigartigen Landschaften haben mich die Menschen und ihre Kultur fasziniert.

Wie haben Sie sich verständigt?

Für eine meiner früheren Reisen habe ich Russisch gelernt, das hat mir weitergeholfen. Englisch manchmal auch. In China habe ich mich mit Zetteln verständigt, auf denen ich bestimmte Schriftzeichen notiert hatte. Zur Not hilft Bayerisch, das verstehen alle. Der Klang der Stimme ist entscheidend.

Wie haben Sie die Verbindung nach Deutschland gehalten?

Gelegentlich schickte ich Mails, oder ich habe angerufen. GPS hatte ich nicht dabei, auch kein Handy.

Klingt archaisch – veränderte sich Ihr Zeitgefühl während der Reise?

Ich löste mich völlig aus meinem alltäglichen Rhythmus. Mein Zeitgefühl prägte die Dauer meiner Visa der Länder, die ich durchquerte. Und  natürlich die Jahreszeiten: Den Pamir-Highway konnte ich beispielsweise nicht im Oktober befahren, in dem Hochgebirge ist es dann zu kalt.

Stichwort Zeit: Wie bekamen Sie Ihre sechseinhalb Monate dauernde Motorradtour mit Ihren beruflichen Verpflichtungen unter einen Hut?

Ich kündigte. Mit dem Plan, dass ich mir nach der Rückkehr wieder eine neue Stelle als Zahnarzthelferin suchen würde. Bei früheren Reisen hat das schon gut funktioniert. Bei Bewerbungen sind meine Reisen kein Problem. Eher im Gegenteil: Die Leute sagen sich, wenn sie ihre Touren meistert, wird ihr auch die Organisation einer Praxis gelingen. Zurzeit verdiene ich mein Geld mit Reisevorträgen.

Hatten Sie einen Kulturschock bei der Rückkehr ins bayerische Moosburg?

Den Mut brauchen Sie nicht fürs Wegfahren, sondern fürs Heimkommen. Unterwegs kann ich freier leben. Was aber nicht heißt, dass ich das  geregelte Leben in meiner deutschen Heimat nicht schätze. Die Herausforderung ist, sich in beiden Welten zurechtzufinden. Ich kann mir nicht vorstellen, immer unterwegs zu sein. Trotzdem bekomme ich schnell wieder Fernweh.

Tipp: Wer mehr über Angela Brandls Motorradtouren erfahren möchte, kann einen ihrer Vorträge besuchen. Sie erzählt dort die besten Anekdoten von unterwegs und zeigt ihre Reisebilder. Aktuelle Termine finden sich auf ihrer Website www.angelabrandl.de

 

Mythos Seidenstraße

Ihr Exotik und Luxus verheißender Name kam erst auf, als die legendäre Handelsroute schon längst Geschichte war: Zwischen 1868 und 1872 unternahm der deutsche Geograf Ferdinand von Richthofen mehrere Reisen nach China und nannte in seinen Reisebeschreibungen den jahrhundertealten Karawanenweg „Seidenstraße“. Der Begriff „Straße“ ist allerdings irreführend, denn die Seidenstraße war ein weit verzweigtes Verkehrsnetz mit Haupt- und Nebenrouten, die von China durch Zentralasien bis zum Mittelmeer und zum Schwarzen Meer führten. Außer Seide brachten die Karawanen Teppiche, Jade, Keramik, Tee und Gewürze nach Europa, aus dem Westen kamen auf diesem Weg Weihrauch, Elfenbein, Gold und Wein nach China. Die Seidenstraße war aber nicht nur ein Handelsweg, sondern diente auch als Missionspfad für die Weltreligionen sowie dem Austausch von handwerklichen Techniken und wissenschaftlichen Errungenschaften. Ihre Blütezeit hatte sie zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert. Xian, zeitweise chinesische Hauptstadt, und Byzanz, das heutige Istanbul, waren die beiden Metropolen an ihren Endpunkten. In der frühen Neuzeit verlor der Handelsweg mit dem Aufkommen der Seeschifffahrt an Bedeutung.

Die Reise zwischen China und dem Mittelmeerraum dauerte zwei bis drei Jahre. Je nach Route waren mehr als 6.000 Kilometer zurückzulegen, die zum Teil durch unwirtliche Landstriche wie das Pamirgebirge oder die Wüste Taklamakan führten. „Die einzigen Wegweiser sind die ausgedörrten Knochen der Toten“, notierte ein chinesischer Mönch, nachdem er die Taklamakan durchquert hatte. Aufgrund der großen Gesamtdistanz verkehrten die Händler nur auf Teilstrecken. Die Chinesen übergaben die Waren an zentralasiatische Aufkäufer, die sie weiter zu persischen, syrischen und griechischen Kaufleuten transportierten. Dieser Zwischenhandel führte dazu, dass die beiden großen Handelspartner an den jeweiligen Endpunkten der Route, der Kaiser von China und die römischen Herrscher, erstaunlich wenig voneinander wussten.

Entscheidend zum Mythos der Seidenstraße beigetragen hat die Handelsware, der sie ihren Namen verdankt: die Seide. Lange Zeit hatten die Chinesen das Monopol für die Herstellung inne und setzten alles daran, dieses Geheimnis zu wahren. Die Römer, wichtigste Abnehmer in der Antike, vermuteten gar, dass die Seide auf Bäumen wachse. Gewonnen wird die feine Textilfaser aus den verpuppten Raupen des Seidenspinners, die sich von den Blättern des Maulbeerbaums ernähren. Vor dem Schlüpfen werden die Raupen abgetötet. Danach wird der Seidenfaden ihres Kokons in einem Stück abgewickelt. Bei Todesstrafe war es verboten, Seidenraupen auszuführen. Nach einer von vielen Legenden rund um die Seide schmuggelte eine Prinzessin Seidenraupen und Maulbeersamen in ihrem Kopfputz außer Landes, da sie in der Fremde nicht auf Gewänder aus diesem edlen Textil verzichten wollte.

9.02.2010,

Sebastian Arackal

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