Louis Armstrong, Winston Churchill, Clark Gable, Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Amadeus Mozart, Gustav Stresemann oder George Washington – so unterschiedlich diese Persönlichkeiten auch waren, sie hatten eins gemeinsam: Alle gehörten zu den Freimaurern. 1776 schrieb Lessing über die Ideale der Logenbrüder: „Dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt.“
Tugend, Toleranz und freies Denken – diese Werte zählen bis heute und verbinden circa sechs Millionen Brüder auf der ganzen Welt. „In den Logen sitzen Männer aus den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen und Berufen. Denn was man beispielsweise unter Gott versteht, bleibt jedem selbst überlassen“, betont Harald E. Meyer (60), Sekretär der Vereinigten Großlogen von Deutschland, die Wichtigkeit der Toleranz. Die VGlvD in Berlin ist sozusagen die Repräsentationsspitze der fünf Großlogen, die sich wiederum aus 470 Einzellogen zusammensetzen, in denen bundesweit rund 14.000 Mitglieder organisiert sind. „Allerdings gehen die Freimaurer in ihrem Glauben grundsätzlich von einem höheren Wesen aus“, fügt der Physiker hinzu.
Die Einzelloge ist, ähnlich wie beim Sport, ein eingetragener Verein. Es muss ein Beitrag entrichtet werden, man ist an Spielregeln gebunden, und das Logenhaus steht zunächst jedem offen. Da stellt sich die Frage: Was passiert da eigentlich, was ist Freimaurerei? Ein traditioneller Männergesprächskreis mit Hohem Hut und weißen Handschuhen, den Zeichen des freien Mannes, eine Serviceverbindung wie der Lionsclub oder vielleicht eine Art Museum für alte Maurersitten und Gebräuche? Weder noch: „Die Freimaurerei gibt Menschen inneren Halt, sie gibt Struktur und ist ein Rückzugsort, um an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu korrigieren, im Prinzip ist Freimaurerei Lebensschule“, fasst Alexander N. (40), der seinen vollständigen Namen wegen eventueller Vorurteile nicht nennen möchte, zusammen. Seit zehn Jahren ist der Ingenieur Mitglied der Düsseldorfer Loge „Rose und Akazie“. „Wir sind ein im Diesseits stehender Lebensbund und keine Religion“, ergänzt Hans-Dieter T. (75). Die diesseitige Logenarbeit kann, je nach eigener Zielsetzung, eher karitativ oder mehr an der Selbstveredelung orientiert sein. Meistens ist es eine Mischung aus beidem. Für die Arbeit an sich selbst treffen sich die Brüder der „Rose und Akazie“ in regelmäßigen Abständen zur Tempelarbeit in einem besonderen Versammlungsraum des Logenhauses. Durch Rituale und philosophische Gespräche sollen Erkenntnisprozesse für das eigene Wachstum ausgelöst werden.
Vollkommener Schliff des Steins als Sinnbild
Eine tragende Rolle spielen dabei Symbole wie zum Beispiel Winkelmaß und Zirkel. „Das Maß symbolisiert das göttliche Gesetz, der Zirkel dagegen steht für die menschliche Seele, die sich dem Gesetz öffnet“, erklärt Hans-Dieter T. Weitere Zeichen sind unter anderem Kelle, Hammer sowie der raue und der kubische, also der geschliffene vollkommene Stein, dessen Perfektion ein Freimauer im irdischen Leben aber niemals erreichen wird. Die Symbole und auch der Schurz, der heute noch bei der Tempelarbeit häufig getragen wird, spiegeln die Traditionen der freien herumreisenden Dombauer im späten Mittelalter wider. Die Steinmetze waren nicht in ortsansässigen Innungen, sondern in überregionalen Bauhütten, auf Englisch „lodges“ bzw. Logen, organisiert. 1717 schlossen sich dann in London zum ersten Mal Freimaurerlogen zu einer Großloge zusammen. Schon damals war man der vielen Kriege überdrüssig, und es galt das Motto: Nicht den anderen ändern oder mit Gewalt anpassen, sondern vornehmlich an sich selbst arbeiten, wie man symbolisch den Stein schleift. Auch die hierarchischen Grade der Freimaurer orientieren sich am Handwerk. Sie sind in Lehrling, Geselle und Meister unterteilt. Nach jeweils einem Jahr intensiver Selbstarbeit kann in einer feierlichen Zeremonie der Aufstieg erfolgen. Was aber letztlich hinter den verschlossenen Tempeltüren passiert, soll möglichst wenig an die Öffentlichkeit gelangen, denn die gemeinsamen Erlebnisse und Rituale der Brüder sind die eigentlichen Geheimnisse der Freimaurer bzw. der jeweiligen Loge. „Das darf nicht zerredet und dadurch zerstört werden“, sagt Alexander N. Doch genau diese Verschwiegenheit gab nicht nur in der Vergangenheit immer wieder Anlass für Gerüchte und Spekulationen. Während der NS -Zeit wurde gar ein generelles Logenverbot für die damals rund 80.000 Brüder erlassen. Bis heute ist es daher Ehrenkodex, dass die Namen lebender Mitglieder nicht genannt werden. Berühmte Freimauer wie der Schauspieler und Entwicklungshelfer Karl-Heinz Böhm (71) haben sich in der Regel selbst bekannt. „Rose und Akazie“-Bruder Hans-Dieter T. (75) erzählt, dass ihn einst sein Chef über ein Zeitungsfoto mit den Worten „ist ja nicht so schlimm“ geoutet habe. Wirkliche Nachteile habe er zum Glück aber nie erfahren. Letztlich sind die Freimaurer auch eine Weltbrüderkette: Geht man in eine andere Stadt oder ins Ausland und meldet sich bei einer Loge an, hat man sofort Kontakte mit Menschen, die ähnlich denken.
Und auch wenn bei den traditionellen Freimaurern die Frauen bei der Tempelarbeit draußen bleiben müssen, so gibt es doch viele Veranstaltungen, wo die Partner mit eingebunden sind. Zudem hat sich das weibliche Geschlecht schon lange emanzipiert: In den 80er-Jahren sind zahlreiche Frauen- und sogar gemischte Logen entstanden. Großsekretär Harald E. Meyer hat da allerdings seinen Grundsatz: „Männliche und weibliche Logen sind in Ordnung, von gemischten halte ich nicht soviel. Männer und Frauen passen einfach nicht an allen Orten zusammen.“
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