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Schwarmintelligenz
Obwohl Schwärme aus vielen selbstorganisierten Individuen bestehen, wirken sie wie ein einziger großer Organismus. Auch die Wirtschaft kann von der Natur lernen und die Kraft des Schwarms erfolgreich nutzen.

Wer einmal im Ozean getaucht hat, wird den atemberaubenden Anblick sich schnell und synchron bewegender Fischschwärme nie mehr vergessen. Obwohl ein Schwarm aus vielen kleinen Fischen besteht, wirken diese in ihren eleganten Bewegungsabläufen wie eine Einheit. Sanft gleiten sie durchs Wasser, mal eine schnelle Zickzack-Bewegung nach links, weil ein großer Fisch kommt, dann wieder nach rechts auf der Suche nach Nahrung. Auch ohne „Leitfisch“ vollzieht der Schwarm seine Bewegungen in perfekter Koordination.

In ähnlicher Weise wünscht sich so mancher Manager die Organisation seines Unternehmens, doch oft ist von einem solchen synchronen Verhalten wenig zu spüren. Die Frage ist, wie wir von den in Millionen Jahren entstandenen Verhaltensweisen der Schwärme für unsere heutigen komplexen Organisationen lernen können. Die Wissensgesellschaft stellt neue Herausforderungen. Alte Führungsweisen funktionieren nicht mehr,  hochintelligente Mitarbeiter lassen sich nicht einfach kommandieren, aber zu viel Freiheit und Dezentralisierung verhindern einen gemeinsamen Kurs. Die bereichsübergreifende Zusammenarbeit wird immer wichtiger. Veränderungen und die Komplexität des Umfelds nehmen zu. Um darauf eingehen zu können, sind eine umfassende Umfeldwahrnehmung und schnelle Reaktionsfähigkeit der gesamten Organisation, des „Organismus Unternehmen“, notwendig. Es wächst die Herausforderung an die Unternehmen, sich flexibel und schnell an Umfeldveränderungen anzupassen.

Erfolge aus Millionen Jahren Erfahrung

Von der Schwarmintelligenz können wir viel lernen, wenn es um flexible, sich selbst organisierende Strukturen zur Lösung dieser Herausforderungen geht. Beim Schwarm geht die Intelligenz über die Fähigkeiten eines jeden Einzelnen hinaus. Das Schwarmverhalten hat sich in der Evolution verhältnismäßig früh entwickelt. Anfangs waren Organismen Einzelgänger und Einzelkämpfer, dann begannen sie in Gruppen zusammenzuleben, und daraus entwickelte sich das Schwarmverhalten. Eine spezielle Form des Zusammenlebens ist der Familienverband. Erst sehr spät in der Evolution, nämlich in Herden, hat sich dann eine organisatorische Hierarchie entwickelt, wie sie heute das Zusammenleben in Organisationen bestimmt.

Die Stärke der Evolution ist, dass sie einerseits Komplexität der Formen und Interaktionen entwickelt, andererseits aber einfachere Formen weiterhin existieren lässt und dadurch die Vorteile der früheren Lösungen bewahrt. Das bedeutet übertragen auf Organisationen, dass die unterschiedlichen Formen parallel existieren sollten. Ein gutes Unternehmen braucht die Einzelkämpfer, zum Beispiel im Vertrieb bei den Kunden, es braucht Führung und Hierarchie, es sollte aber auch in der Lage sein, mit Schwarmintelligenz die Potenziale aller Mitarbeiter in seine Aktivitäten zu integrieren.

Schwärme bestehen aus einer Vielzahl von Individuen, die mittels direkter Kommunikation selbstorganisiert agieren. Als Einheit folgen Fischschwärme dabei keinem Anführer, sondern jeder in der Gruppe kann auf die Richtung des Schwarms Einfluss nehmen. Die Koordination der Aktivitäten basiert auf der Einhaltung einiger weniger Regeln. Die ständige Interaktion zwischen den Individuen ist die Basis für ein koordiniertes Verhalten des Schwarms. Dieses Verhalten basiert auf der Befolgung von drei einfachen Regeln:

  • Zusammenbleiben: Bewege dich in Richtung des Mittelpunktes derer, die du in deinem Umfeld siehst.
  • Separieren: Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt.
  • Ausrichten: Bewege dich in etwa dieselbe Richtung wie deine Nachbarn.

Innerhalb der Gruppe wird also stets ein gleicher Abstand zu den Nachbarn gehalten. Mithilfe des Seitenlinienorgans, einer Art seitlichem Sensor, können Fische Bewegungsimpulse der anderen Fische in Bruchteilen von Sekunden empfangen und entsprechend reagieren. Ändert sich der Abstand, weil der Nachbar in eine andere Richtung schwimmt, wird der veränderte Abstandsofort korrigiert. Sie sondieren somit permanent ihre unmittelbare Umgebung und passen sich den Bewegungen der Masse an, die wiederum erst durch dieses Zusammenspiel möglich werden. Die jeweils außen schwimmenden Fische geben die Richtung vor, wobei nicht immer die gleichen Fische am Rand schwimmen. Das einzelne Tier hat nicht den Gesamtüberblick, es hält sich nur an einfache Regeln. Dadurch erhöht sich die Chance, Futter zu finden, und es reduziert sich das Risiko, gefressen zu werden. Denn man kann den Feind besser wahrnehmen, sich in der Masse besser „verstecken“, und schließlich wirkt der Schwarm in seiner Größe abschreckend. Die „Intelligenz“ liegt im System, das sich evolutionär bewährt hat. Aufgrund dieser einfachen Organisationsregeln zeichnen sich Schwärme durch folgende Eigenschaften aus:

  • Flexibilität: Schwärme verfügen über eine große Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste Bedingungen.
  • Robustheit: Schwärme sind sehr robust gegenüber dem Ausfall einzelner Individuen, und die Mitglieder des Schwarmes agieren ohne Aufsicht oder Kontrolle.
  • Selbstorganisation: Durch die Interaktion autarker Einzelner agiert die Gruppe ohne zentrales Kommando selbstorganisiert und dynamisch.
  • Selbstregulation: Durch schnelle Rückkopplungen wird für stabile Teilzustände gesorgt, die für den Erhalt des Lebens notwendig sind.

Erfolgreich in der Wirtschaft schwärmen

Dieses Prinzip lässt sich auch auf die Wirtschaft und das Verhalten von Menschengruppen übertragen und unterstützt den Trend zu mehr Eigenverantwortung und Individualisierung. Ein einfaches Beispiel für eine solche Übertragung kennen wir alle: Es ist der Feuermelder. Jeder kann das Glas einschlagen und dadurch eine schnelle Rettungskette auslösen, genau wie der Fisch, der dem Feind ausweicht und dadurch die Richtung des gesamten Schwarms ändert. Würde man warten, bis eine Führungsperson gefunden ist und den Einsatzbefehl gibt, hätte das Feuer vielleicht schon großen Schaden angerichtet. Für die Übertragung von Schwarmintelligenzprinzipien lassen sich drei unterschiedliche Wege darstellen:

  • Anwendung auf technische Lösungen: Dies geschieht zum Beispiel bei der Entwicklung von Software, wo Schwarmprinzipien verwendet werden (zum Beispiel Ameisenlogarithmen bei Logistiksoftware oder Open Source).
  • Anwendung auf menschliche Interaktion: Dies geschieht in Unternehmen, die das Wissen und die Erfahrung ihrer Mitarbeiter stärker in die Unternehmensentscheidungen einbeziehen, indem sie zum Beispiel über Ideenzirkel ihre Innovationskraft für die Optimierung einsetzen.
  • Die Verbindung technischer Lösungen mit der menschlichen Interaktion: Hier sind vor allem die vielen im Web 2.0 entstandenen Möglichkeiten der Interaktion und Vernetzung, von Meinungen über Blogs bis zu Marktplätzen, zu nennen.

Letzteres nimmt immer mehr zu. Das Internet bietet hier technische Möglichkeiten, die es vor Jahren so nicht gab. Hotelbewertungen werden im Netz gesammelt und führen dazu, dass ein Hotel weniger oder mehr gebucht wird. Während früher solche Beurteilungen unabhängig von den verkaufenden Unternehmen (zum Beispiel HR S) stattfanden, sind sie inzwischen von ihnen integriert worden, weil es keinen Sinn gemacht hätte, sich diesem Trend zu verweigern. Amazon zeigt für ein bestimmtes Buch an, welche anderen Bücher von den Käufern dieses Buches zusätzlich gekauft wurden, und zeigt damit, wohin das „Schwarminteresse“ weist. Das Internetlexikon Wikipedia wird von den Lesern selbst geschrieben. Erst 2001 gegründet hat es heute jeden Monat 340 Millionen Nutzer. Es weist eine erstaunliche Qualität der Beiträge auf, da Fehler in Beiträgen schnell von anderen korrigiert werden. Bei einem Test der Zeitschrift „Stern“ schnitt es besser ab als der Brockhaus.

Prof. Dr. Francis Heylighen, belgischer Kybernetiker, sieht das Internet als einen Superorganismus, der nach Schwarmprinzipien funktioniert. In der Informatik wird an sogenannten Software-„Agentensystemen“ geforscht, die komplex vernetzt werden und sich selbst steuern, miteinander kommunizieren und selbst lernen.

Im Flugverkehr wird daran gearbeitet, dass Flugzeuge nicht mehr zentral von Fluglotsen geführt werden, sondern miteinander kommunizieren und selber darauf achten, den richtigen Abstand zu halten wie im Schwarm. Dies könnte Verspätungen und Risiken erheblich reduzieren.

Prof. Dr. Jens Krause vom Institut für Gewässerökologie der Humboldt-Universität zu Berlin forscht an der Anwendung von Schwarmerkenntnissen für die Steuerung von großen Menschenansammlungen, besonders in Notsituationen. Er hat herausgefunden, dass fünf Prozent der Teilnehmer einer Menschengruppe für eine Richtungsausrichtung ausreichen und wo Ordner positioniert sein müssen, um Menschengruppen in die richtige Richtung zu bewegen.

Auch für die Optimierung logistischer Prozesse werden Schwarmprinzipien eingesetzt. Hier wird viel von Insektenschwärmen, speziell von Ameisen gelernt. Beim Einsammeln von Nahrung agieren Ameisen wie Staffelläufer: Sie tragen ihre Beute nicht den ganzen Weg zum Nest, sondern geben sie in einer Kettenformation weiter. Dabei haben einzelne Ameisen keinen festen Platz in der Reihe, die Übergabepunkte der Beute sind nicht starr fixiert. Wie eine fliegende Brigade variieren die Laufwege jeder Ameise entlang dieser Körperkette. Wo immer gerade eine Ameise gebraucht wird, packt sie mit an, dadurch entstehen keine Leerläufe.

Dies wurde auf den Produktionsablauf einer Versandhauskette übertragen: Aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsdauer der Packvorgänge gab es regelmäßig Arbeitsstaus. Die unterschiedliche Geschwindigkeit des Verpackungsprozesses resultiert dabei automatisch aus den unterschiedlich einzupackenden Produkten. Zur Lösung des Problems wurden die Packer dann nach dem Prinzip der fliegenden Brigade vom lange dauernden bis zum schnellsten Vorgang gestaffelt eingesetzt. Bei diesem Prinzip sucht jeder Mitarbeiter so lange Produkte für seine Bestellung zusammen, bis diese Arbeit vom nachfolgenden Packer fortgesetzt wird. Der freie Mitarbeiter geht dann an den Anfang des nächsten Packprozesses und übernimmt seinerseits die Arbeit von seinem Kollegen. Dieses einfache Prinzip gestattete es den Teams flexibel auszugleichen, was zu unterschiedlich lange dauernden Packprozessen führt – nämlich das unterschiedliche Tempo der Arbeitskräfte und die unterschiedliche Zahl von zu verpackenden Produkten.

Je komplexer Organisationen werden, umso stärker müssen selbstorganisierte Prozesse ablaufen, denn das Funktionieren kann bei vielen parallel laufenden Prozessen nicht mehr über Anordnungen und Anweisungen gewährleistet werden. Ein trauriges Beispiel für die Effektivität solcher Organisationsformen liefert Al Qaida. Ihre starke Dezentralität macht die Organisation schwer angreifbar.

Grenzen der Schwarmintelligenz

Allerdings gibt es auch Grenzen der Schwarmintelligenz. Delfine kreisen Fischschwärme ein und treiben sie Richtung Oberfläche. Dann funktionieren die Schwarmregeln nicht mehr, die kleinen Fische werden von den größeren gefressen oder von Vögeln. In einer solchen Situation bräuchte es Führung, um mit unüblichen Wegen der Gefahr zu entkommen. Schwarmverhalten unterstützt das Funktionieren einer Organisation, aber es ersetzt nicht die Notwendigkeit von Führung. Bei der Challenger-Explosion 1986, ausgelöst durch eine spröde Dichtung, hatte der Zulieferer per Gruppenmehrheit entschieden, dass auch bei kühleren Temperaturen als geplant gestartet werden könnte. Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung. Zwei Ingenieure wiesen auf das Risiko hin, konnten sich aber als Minderheit nicht durchsetzen.

Schwarmintelligenz funktioniert nur, wenn die Mitglieder selbstverantwortlich handeln. Sie dürfen nicht einfach nur nachahmen oder auf Befehle warten. Dies machen uns Fische, Ameisen und Bienen vor, die nicht immer das Gleiche tun, sondern eigenständig im Rahmen der Regeln entscheiden, was zu tun ist. Sie sind damit sehr erfolgreich in ihren Lebensprozessen, obwohl sie nur ein sehr kleines Gehirn haben.

Viele Unternehmen schwanken zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung. Kommt ein neuer CE O, so wird oft von einer bestehenden Situation in ein anderes Extrem gewechselt. Das Prinzip Schwarmintelligenz verbindet synchrones Handeln und Einordnung mit dezentraler Umfeldwahrnehmung und Beeinflussung der Richtung des Schwarms. Dafür ist es notwendig, Kontrolle zu reduzieren und mehr Vertrauen in der Organisation aufzubauen. Die Mitarbeiter sollten aber auch stärker in die Unternehmenspolitik eingebunden werden, damit sie wissen, wie die gegenwärtige Lage des Unternehmens ist, welche Gefahren drohen, welche Chancen sich bieten und wohin das Unternehmen sich entwickeln soll. Die Austauschprozesse im Unternehmen müssen beschleunigt werden. Es reicht nicht mehr, dass nur die Führung informiert ist. Das Unternehmen braucht eine neue Struktur, die nicht mehr sternförmig auf die Führung ausgerichtet ist, sondern eher netzwerkmäßig relativ selbständig agierende Teams miteinander verbindet. Dazu ist es auch nötig, nicht einfach nur zentrale Pläne umzusetzen, sondern von dezentralen Einheiten erkannte neue Chancen aufzunehmen und umzusetzen. Die synchrone Bewegung des Schwarms rührt aber auch daher, dass die einzelnen Schwarmorganismen bereit sind, sich einzuordnen. In unserer Gesellschaft, die das Individuum so hochhält, fällt das vielen nicht leicht.

Schneller sein durch Selbstorganisation

Wenn Sie Ihr Unternehmen dazu bringen wollen, sich schneller an Veränderungen im Markt anzupassen, so prüfen Sie, wie Sie verstärkt Elemente der Schwarmintelligenz in Ihre Unternehmensabläufe integrieren können. Wie können Sie die Umfeldwahrnehmung der Mitarbeiter systematisch in die Produktentwicklung integrieren? Wie können Sie es erreichen, dass mehr und mehr Prozesse in ihrer Organisation selbstorganisiert ablaufen, aber gleichzeitig eine Harmonisierung stattfindet? Wie können Sie technische Systeme einsetzen, um Schwarmintelligenzelemente für sich zu nutzen?

Es braucht eine Umgewöhnungszeit und vielleicht laufen am Anfang bestimmte Prozesse etwas holpriger oder vielleicht auch langsamer. Durch die Einbettung der Schwarmintelligenzprinzipien werden Organisationen aber langfristig anpassungsfähiger und erfolgreicher. Praktizierte Schwarmintelligenz stärkt die Lebendigkeit und Innovationsfähigkeit von Organisationen und damit ihre Überlebensfähigkeit.

 

Zur Person

 

Dr. Klaus-Stephan Otto ist Geschäftsführer der Dr. Otto Training & Consulting, Seit über 25 Jahren unterstützt das Beratungsunternehmen Organisationsentwicklungsprozesse, begleitet innovative Projekte, stärkt Teamund Managementkompetenzen durch Seminare und Workshops sowie durch das Coaching von Führungskräften. Von Klaus-Stephan Otto erschien im Carl Hanser Verlag das Buch: „Evolutionsmanagement. Unternehmen entwickeln und langfristig steuern“. Am 21. und 22. April 2010 findet der Workshop „Innovationsentwicklung – von der Natur lernen“ statt.

9.02.2010,

Dr. Klaus-Stephan Otto

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